JORDI CUIXART: „IN SPANIEN GIBT ES VIELE MENSCHEN, DIE SICH DARÜBER SCHÄMEN,WIE SICH DER STAAT IN KATALONIEN VERHÄLT“

Die Menschen, die die Wahlurnen verteidigten, verdienen keinen Kampf zwischen Parteien, um höhere Anteile an der Macht innerhalb einer Autonomie. Wir brauchen eine strategische Einheit.

Das erste Mal, dass der Autor dieses Artikels Jordi Cuixart (Santa Perpètua de Mogoda, 1975) live reden hörte, war der Tag, an dem er als Präsident von Òmnium debütierte. Er hielt eine aufrichtige und kräftige Rede. Er sah nervös aus. Er ersetzte Quim Torra als Präsident. Cuixart, ein „self-made man“, der in Sabadell aufwuchs, machte seine Ausbildung in seiner Heimatstadt.

Er hat keine Master-Abschlüsse in ausländischen Städten. Er hat als Unternehmer und Demokrat gearbeitet. Die gesamte katalanische Linke umgarnt ihn. Heute befindet er sich in einem Gefängnis, vom spanischen Staat wegen Rebellion angeklagt. Dieses Interview mit Cuixart, ein Kooperationspartner dieses Mediums, ist der erste des neuen CRITIC-Kurses. Es war kein normales Interview. Denn es ist sicherlich auch keine normale Situation.

Wie bewerten Sie Ihre Erfahrung im Gefängnis?

Es ist eine harte Erfahrung, die aber sehr positive Lernprozesse hat, wie zum Beispiel die Angst zu verlieren und die Gegenwart in vollen Zügen zu leben, als einen selbstzufriedenen Moment. Außerdem ist es wichtig zu versuchen, immer kohärent zu sein, mit dem was man denkt, sagt oder tut.

Welche Bekannschaften mach man?

Sehr unterschiedliche Leute. Eines der ersten Dinge, die man hier lernt ist, mit nichts und niemandem Vorurteile zu haben. Ich habe zahlreiche Lebensgeschichten gehört, die völlig schockierend sind, und unsichere Enden haben. Das hat mich gelehrt, dass der wahre Reichtum in einem selbst ist.

Hat es Sie als Bürger und als Unternehmer dazu gebracht, gewisse Dinge zu überdenken?

Obwohl ich immer gedacht hatte, dass die Existenz von Gefangenen ein Versagen für die Gesellschaft ist, ist meine Überzeugung hierzu heute noch gewachsen. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Gefängnisse von Männern im Namen der Gerechtigkeit geschaffen wurden und dass das Gefängnis selbst viele Ungerechtigkeiten sowohl für Insassen als auch für Familien erzeugen kann.

Auf der anderen Seite gibt es in den Gefängnissen eine Menge talentierter Menschen und was am meisten benötigt wird, sind emotionale Aspekte wie Selbstwertgefühl oder Empathie, damit dieses Talent aufblühen kann. Hier in Lledoners gibt es eine Menge positiver Arbeit, in dieser Hinsicht.

Muss das Gefängnissystem überdacht werden?

Sicherlich, weil direkt oder indirekt die gleiche Kriminalitäts- und Gefängnisdynamik oft denen zugefügt wird, die weniger haben, aber mehr brauchen. Wenn man sich die positiven Aspekte anschaut, liegt die Anzahl der Rückfälle in kriminelle Handlung in Katalonien weit unter dem nationalen und europäischen Durchschnitt. Das ist sicher nicht zufälling und zeigt einen Weg auf.

Wir sind ein Land der gemeinsamen Kämpfe: Das hat uns als Gesellschaft vorwärts gebracht“

Die Souveränität.
Wie werden Brücken konstruiert und warum sollten sie gebaut werden? Mit wem sollten diese Brücken sein? Welchen Unterschied sieht man zwischen Teilen und Erweitern?

Concepción Arenal sagte: «Die Kräfte, die für das Gemeinwohl zusammenkommen, addieren sich nicht, sondern multiplizieren sich». Der Grund für die Existenz von Òmnium Cultural besteht darin, Konsense zu finden und sie zu stärken. Wir schaffen einen Raum des Treffpunkts, der absolut gewollt aber nicht aufgezwungen ist.

Es ist auch die Realität unserer gesellschaftlichen Masse und damit fühlen wir uns wohl. Wir sprechen nicht über Verbreiterung, sondern über das Teilen, weil niemand gerne von einem anderen «verbreitert» wird. Die Verbreiterung nimmt den Begriff an, dass jemand die Wahrheit besitzt und «verbreitete» und «Verbreiter» braucht.

Aus dem Respekt und über was ein Wortspiel aussehen konnte, bevorzugen wir das Verb «teilen», d. h. bereit sein, zu empfangen, zu geben, zu verstehen und zu hören, was die andere Person bringt. Nochmal Einfühlungsvermögen als Instrument für Dialog und Verständnis. Wir werden immer wieder beanspruchen, dass wir ein Land von gemeinsamen Kämpfen sind: Dies hat uns als Gesellschaft vorangebracht, und dies ist ein grundlegendes Element unseres sozialen Zusammenhalts.

Unsere Aufgabe ist es, die Kultur weiterhin als grundlegendes Instrument gegen Intoleranz und Totalitarismus zu fördern,

weiter an der Stärkung des sozialen Zusammenhalts dieses Landes zu arbeiten und weiterhin zu kämpfen, damit Rechte, Freiheiten und demokratische Eroberungen nicht mehr verletzt werden, die wie wir jetzt sehen konnten, nicht gefestigt waren. Die staatliche Operation gegen gelbe Schleifen will auch verbergen, dass in Katalonien mehr als 75 % der Bevölkerung gegen unsere Inhaftierung sind. «Seltsamerweise» ist es derselbe Prozentsatz der Leute, die das Referendum verteidigen, als politische Lösung des Konflikts.

Die antirepressive Bewegung wird zum gemeinsamen Kampf des Katalanismus. Wir haben immer den schottischen Weg verteidigt. Und es ist der Staat, wenn er ihn abgelehnt, der die Pflicht hat, ein Angebot an die Bürger von Katalonien zu unterbreiten. Der Staat irrt sich gewaltig, wenn er glaubt, dass es sich bei diesem Vorschlag um Repression handelt.

„Der spanische Staat muss sich fragen, warum sein nationales Projekt vollständig bankrott ist“

Vor kurzem sagte der Schriftsteller Carlos Zanón von Ihnen, dass es in Katalonien viele Menschen gibt, die Ihnen ähneln. Politisch nach Links orientiert, Sohn einer Murcianerin und einem Katalanen, der Arbeiterklasse entstammend. Fürchtet der Staat, dass die Unabhängigkeitsbewegung relevante Vertreter mit dieser Herkunft hat? In fast allen europäischen Nationen ohne Staat waren die Unterschiede zwischen verschiedenen ethnokulturellen Gruppen innerhalb desselben Territoriums schwer zu überwinden (ein Paradigma-Beispiel: Irland zwischen protestantischen «Ulster Scots» und gälischen Katholiken). In diesem Sinne sind Katalonien und Katalanismus ein Erfolgsmodell.
Was fehlt denn dem katalanischen Nationalprojekt, um erfolgreich zu sein?

Für mich ist der soziale Zusammenhalt in Katalonien ein Erfolgsmodell, das zu einem hohen Grad auf das Schulmodell und sicherlich auf den Willen einer Gesellschaft wie die katalanische zurück zu führen ist, in der Migrationsverhalten strukturell ist. Wir müssen darauf noch viel mehr als einen der Hauptgründe für das kollektive Selbstwertgefühl Anspruch erheben.

Meistens fragen wir nicht nach den Nachnamen, sondern nach dem gemeinsamen Schicksal. Trotz der ständigen Alarmbereitschaft und der Fachleute des Hasses und der Spaltung sind wir nicht in die fremdenfeindliche Drift gefallen, die Europa und die Welt durchzieht. Wir sind die Gesellschaft von «Bei dir, bei mir», und wir müssen auf die Umarmung von Rubí ab 17-A pochen, zwischen einem Vater, der seinen Sohn durch einen Terrorakt verliert, und einem Imam, der ungehemmt weint.

Meine persönliche Realität ist die von vieler Menschen in Katalonien.

Kinder von Menschen, die aus ganz Spanien oder vom Ausland auf der Suche nach einer würdigeren Zukunft für ihre Familien gekommen sind. Es waren in vielen Fällen Menschen, die buchstäblich mit ihren eigenen Händen Plätze und Straßen asphaltiert hatten. Wir müssen Ihnen auf ewig dankbar sein. Sie kamen nicht mit Schlauchbooten, wohl aber mit Kartonkoffern. Und jeden Tag sehen Neuankömmlinge oder Kinder von Neuankömmlingen in der Souveränität das einzige inklusive Projekt, das tatsächlich eine würdige Gegenwart und eine hoffnungsvolle Zukunft garantieren kann.

Ich glaube, dass man dem katalanischen Volk die Kraft eines gemeinsamen Projekts nicht absprechen kann. Gemeinsam sind sie in der Lage gewesen, sozial zu reifen, ihre Strukturen zu stärken, jahrelang friedlich die Straße einzunehmen, Rechte und Freiheiten trotz der Machtmissbräuche des Staates ohne Angst auszuüben und entschlossen auf die Repression zu reagieren. Ich denke, es ist der spanische Staat, der sich fragen sollte, warum sein nationales Projekt noch mehr als erfolglos, völlig bankrott ist.

Das reicht aber nicht aus, weil der „Soziale Aufzug“ angehalten oder im besten Fall abgebremst wird und es ist notwendig, dies umzukehren. Wir müssen auch auf die Grundbedürfnisse der verwundbarsten Nachbarn reagieren. Da sprechen wir über die Immobilienkrise oder Energiearmut und Zwangsvollstreckungen, die immer noch einen sehr großen Teil unserer Gesellschaft betreffen. Aus diesem Grund hat Òmnium mit Coop57 und ECAS das „Lliures“ (Frei)-Projekt angetrieben. Es gibt gemeinsame soziale Kämpfe, die eine nationale Priorität sind.

„In einem Referendum über Selbstbestimmung verteidigen wir auch die Gleichheit der Bürger, um die politische Zukunft frei zu bestimmen“.

In Bezug auf die vorige Frage, jenseits eines gewissen Nachgeschmacks wütender Mittelklasse in einigen Episoden, ist die souveräne Bewegung durchaus transversal und weitgehend progressiv und demokratisch gewesen. Wie denken Sie, dass der Durchschnittsbürger des anderen Blocks die Souveränität sieht? Ist eine Alterität-Übung erforderlich? Hat es einen zu existenziellen Katalanismus gegeben, ethnokulturell gesprochen?

Einer der großen Reichtümer der Souveränität ist sicherlich ihre übergreifende Qualität und ihre Nuancen. Entschuldigen Sie bitte die Personalisierung, aber ich heisse Cuixart i Navarro und unser Vizepräsident heisst Mauri i Los Ríos, neben der Vizepräsidentin Llansana und der Hälfte des nationalen Vorstand, die Frauen sind. Ich glaube, die Fakten sprechen für sich selber. Wie Carme Junyent uns gut erklärt, heute leben mehr als 200 Sprachen zusammen, Bürger, die nicht mehr Katalanisch oder Spanisch als Muttersprache haben, sondern Chinesisch, Urdu oder Arabisch. Dies macht uns als Gesellschaft reicher, und Katalanisch wird mehr denn je die Sprache der Gemeinsamkeit und des Zusammenhalts sein, wie zum Beispiel Italienisch in Italien oder Englisch im Großbritannien.

In der Vielfalt vereint, was auch bedeutet, ohne persönlich auf irgendetwas zu verzichten, wie es das katalanische Schulmodell symbolisiert.

Das Konzept der Alterität verbindet uns mit dem Konzept des Teilens: ich bin mir bewusst, dass mein Nachbar einen Standpunkt hat, der ergänzt und genauso gültig ist wie mein eigener. Er widersetzt sich nicht, sondern fügt ein neues Produkt hinzu. Die Verteidigung des Dialogs oder der freien Meinungsäußerung, der Ablehnung politischer Gewalt und der politischen Rechtsprechung jeglicher Alternativen, sind ein großer Konsens des Landes: ich komme zurück auf die rund 75 % der Katalanen, die die Existenz politischer Gefangener ablehnen.

In einem Referendum über Selbstbestimmung verteidigen wir auch die Gleichberechtigung von Mitbürgern, um die politische Zukunft frei zu bestimmen. Noch vor Souveränisten sind wir vor allem Demokraten.

Jordi Cuixart - Foto_ GUILLEM ROSET
Foto: GUILLEM ROSET

„Ein Teil der spanischen Linken hat sich mit der Rechten zusammen geschlossen, aber es wäre gefährlich, alle in die gleiche Tasche zu stecken.“

Wie sehen Sie die spanische Linke? Stellt Podemos eine echte Veränderung dar? Haben Sie an Pablo Iglesias geschrieben?

Erwarten Sie etwas von der PSOE? Pablo Iglesias besuchte mich im Gefängnis von Soto del Real. Er und sowohl Alberto Garzón sind die ersten politischen Dirigenten gewesen, die offen die Freiheit politischer Gefangener forderten, auch Pepe Álvarez für die UGT [Gewerkschaft]. Die spanische Linke ist ein sehr breites Konzept, das verdeutlicht werden muss.

Es ist offensichtlich, dass es einen Teil dieser historischen Linken Spaniens gibt, der bisher und vor allem mit dem katalanischen Konflikt im Namen des Föderalismus ohne konkrete und entschlossene Tatsachen sich mit der spanischen politischen Rechte zusammen geschlossen hat, das Selbstbestimmungsrecht der katalanischen Gesellschaft verweigert oder unterschätzt. Aber es wäre gefährlich, alle in die gleiche Tasche zu stecken. Es gibt viele Menschen in dem spanischen Staat, die sich dafür schämen, wie sich der Staat mit Katalonien verhält. Sie schämen sich dafür, wie die Rechte und Freiheiten der Bürger ungeschoren verletzt werden, für die brutale zugefügte Unterdrückung und für das sehr niedrige gegenwärtige demokratische Niveau.

Vom Manifest „Rechte und Freiheiten“, von 200 Künstlern und Intellektuellen unterschrieben, bis zum Manifest von mehr als 100 Strafrechtsprofessoren, durch die Denunzierung von Amnesty International oder anderen Opfern der Unterdrückungswelle, wie Cristina Fallarás oder Helena Maleno, um zwei Namen von vielen zu nennen. Die Kampagne #RiveraQuitameEste ist auch ein Bad von Realismus gegen die Provokation und den Opportunismus.

Wir stehen in vollem Wettbewerb auf der extremen Rechte zwischen der PP und Ciudadanos, mit einer Regierung der PSOE, die sich in den grundlegenden nicht viel unterscheidet. Podemos und Izquierda Unida haben große und echte Schwierigkeiten, um das Recht auf Selbstbestimmung zu verteidigen, aber Sie können ihre historische Verteidigung grundlegender politischer Rechte nicht vernachlässigen und aufgeben. Die Freiheit in Katalonien zu verteidigen heißt, das gleiche auch in Murcia, in Madrid oder in Andalusien zu tun. Freiheit ist voll oder nicht wahr.

„Das Ziel am 20 S bestand nicht darin, die Durchsuchungen zu verhindern, sondern friedlich gegen die Handlungen und die Verhaftungen zu protestieren“

Wie erinnern Sie sich am 20. September?

Ich habe eine gute Errinnerung, obwohl ich hohes Fieber hatte. Die Nachricht kam früh am Morgen und spontan konzentrierten sich die Bürger vor den Toren des Wirtschaftsrates.
Beträchtliche und unnormale Ereignisse fanden statt. Die Entitäten und das assoziative Netzwerk des Landes (Gewerkschaften und Entitäten) fielen zusammen, dass eine koordinierte Antwort erforderlich war. Wir fügten Kräfte hinzu und konzentrierten uns am Mittag auf der Plaça de Sant Jaume in Barcelona, um diesen ausdrücklichen Angriff auf die Demokratie anzuklagen und um uns zur Verteidigung der Institutionen zu vereinen.

Vor dem Wirtschaftsamt waren immer mehr Leute, immer mit einer bürgerlichen, friedlichen und festlichen Natur … und wir wissen nicht, wie wir es anders machen sollen. Ich ging dort in der ersten Stunde und dann am Nachmittag ab etwa 6 Uhr. Das Ziel bestand nicht darin, die Eintritte und die Durchsuchungen zu verhindern, sondern friedlich gegen die Handlungen und die Verhaftungen zu protestieren. Mittags gaben wir schon bekannt, dass die Konzentration um 12 Uhr nachts enden würde… Es war mir bewusst, dass ein guter Teil der Leute es nicht gut heissen würde, dass wir die Demonstration auflösten. Aber die Situation musste gut gelesen werden. Schon am Nachmittag stoppten Jordi Sànchez und ich den Protest.

Traurigerweise hat kein Netzwerk mit staatlichem Umfang es versucht, den Dokumentarfilm „20 -S“ von Mediapro zu verbreiten: es ist ein neues Beispiel für informatives Schweigen, Medienmanipulation und Entmenschung des Prozesses, der unsere Anschuldigungen in verschiedenen Medien begleitet. Der 20-S ist ein Datum, um das Recht auf die friedliche Demonstration in Anspruch zu nehmen: Diktaturen sind diejenigen, die bürgerliche Gegner, weil sie auf der Straße gehen, inhaftieren. Genauso wie in Marokko mit den Protesten des Rif oder in Türkei oder mit Putin in Russland.

„Die Dinge sind nicht wie erwartet gelaufen, aber der riesige Schritt ist beeindruckend“

Bevor der Präsident die Unabhängigkeit erklärte und, dass am nächsten Tag viele der Berater im Exil abtraten, waren Sie bereits im Gefängnis. Wie haben Sie den 28. Oktober erlebt? Waren die Strukturen auf die Unabhängigkeit bereit?

Es ist eine Realität, dass das Referendum abgehalten wurde und, dass die Republik ausgerufen wurde. Es stimmt aber auch, dass die staatliche Gewalt es verhindert hat, normal abzustimmen und, dass die Unterdrückung bedeutet, dass heute Hunderte von Menschen verfolgt sind, 9 politische Gefangene und 7 Politiker sich im Exil befinden. Die Dinge liefen nicht wie erwartet, aber der riesige Schritt ist großartig. Jetzt wissen wir, dass wir, um voranzukommen, weder das Gefängnis noch die Androhung von Gewalt seitens des Staates als Grenze setzen können.

Der Akt von zivilem Ungehorsams vom 1. Oktober bestätigt uns in dem, was Kafka sagt: „Ab einem bestimmten Punkt gibt es keine Rückkehr. Das ist der Punkt, den es zu erreichen gilt“. Nie wieder wird es so sein wie vor dem 1-O und alles, was für einen sehr wichtigen Teil der katalanischen Gesellschaft und die kommenden Generationen symbolisiert. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Menschen trotz der Bilder unverhältnismäßiger Gewalt seitens des Staates aus ihren Häuser kamen, um zu wählen und die Schulen zu verteidigen.

Wir sind mit Jordi Sànchez am 16. Oktober vor der Ausrufung der Republik ins Gefängnis gekommen. Bei Omnium haben wir immer gesagt, dass uns nichts geschenkt wird, und es ist klar, dass es nötig ist, für die Gegenwart und für die Zukunft die Lehren zu ziehen, und zwar jeweils aus jeder eigenen Position. In unserem Fall als Zivilgesellschaft. Òmnium arbeitet seit langem und bittet die Souveränität um eine gemeinsame, breite, transversale, inklusive und überzeugende Strategie, um die politischen Ziele zu erreichen, die die Menschen in Katalonien an den Wahlurnen entscheiden werden.

„Wir haben die Auswirkungen eines Teils der Presse des Staates auf die spanische und katalanische Staatsbürgerschaft unterschätzt, der keinen Journalismus, sondern Propaganda macht.“

In Soto del Real haben Sie gesehen, wie spanische Fernsehsender Katalonien erleuchteten. Und Sie haben sich schon oft darüber kritisch dargelegt. Welche Überlegungen machen Sie über den Journalismus in spanischen Staat? Und da wir in Katalonien sind, wie sehen Sie den Journalismus hier? Benötigt man mehr Évoles?

Man kann nicht verallgemeinern. Es gibt Medien, nicht nur Fernsehsender, die eine berufliche und strenge Arbeit leisten. Es stimmt aber auch, dass es einen weiteren Teil der staatlichen Presse gibt, der direkt kein Journalismus, sondern Propaganda macht. Wir haben die Wirkung dieser Kommunikationskraft der Propaganda (insbesondere der katalanischen) bei allen Staatsbürgern auf alarmierende Weise verringert.

Ich wurde erschreckt über die Fähigkeit einiger Mittel, der Bevölkerung eine total akritische Geschichte über das, was in Katalonien geschah, aufzuzwingen. Ich schätze Jordi Évole sehr. Er ist ein mutiger Mann. Wir kennen uns nicht viel, aber wir haben sehr interessante Überlegungen und Gespräche geteilt. Wir haben soziale Sorgen, die uns verbinden, und eine sehr ähnliche Familiengeschichte. Was wir schon gesagt haben: teilen. Er sagt immer, dass er sehr liebevoll ist und ich bin es auch. Was für ein Paar! Man braucht auch mehr Gabilondo, Francino oder Basté und Terribas … wie Muriel sagte: „Lass uns hören, wir gehören allen“.

Gibt es innerhalb der katalanischen Souveränitätsbewegung einen Kampf um die Hegemonie?

Es ist sicher gültig; wir haben immer die wesentliche Rolle der politischen Parteien in einer gesunden Demokratie verteidigt. Aber es ist klar, dass in einem politischen Moment wie den Anwesenden, diejenigen die, die Wahlurnen mit ihrer Körperschaften verteidigten oder diejenigen die sich seit Jahren mobilisiert haben, keinen parteilichen Kampf für mehr autonome Machtanteile verdienen. Die strategische Einheit ist von grundlegender Bedeutung.

Welcher Sinn hat die Linke-Rechte Achse?

Schauen Sie sich die politische Zuneigung der Gefangenen heute an: wir werden von Liberalen bis zu Sozialdemokraten, von der Mitte nach der Rechte zu der Linke und die Führungskräfte der Entitäten finden. Die Souveränitätsbewegung hat heute viele klassische Schemen gebrochen.

Sind es sozioökonomische Modelle und Identitätsmodelle die sich einender gegenüberstellen? Welche Linken und Linkscharaktere der Welt sind für Euch Maßstab?

Joan Baptista Cendrós, einer der Gründer von Òmnium schrieb, dass Mai 68 als Vorbild für die Gründung des Vereins diente. Später gründete er die Partei Esquerra Democràtica de Catalunya. Neben vielen anderen Aktionen war er einer der Hauptmäzene von Joan Oliver. Wir erheben Ansprüche auf eine komplexe katalanische Gesellschaft voller Nuancen, mit natürlich erlebten Widersprüchen, in denen schnelle Lektüren sehr fehleranfällig sind. Ich denke, dass die politischen Kräfte der Souveränitätsbewegung eine Wählerschaft ansprechen, die in ihrem zentralen Teil viele Gemeinsamkeiten hat. Das haben wir mit den Gesetzen sozialer Natur gesehen, die vom katalanischen Parlament gebilligt und anschließend vom Verfassungsgericht suspendiert wurden.

Die aktive Opposition des Ibex 35 und bestimmter Tatsachenmächte von Madrid und Barcelona gegen die Demokratie ist so offensichtlich, dass die Verbindung des Katalanismus mit der Bourgeoisie sich von allein eliminiert. Menschen wie Cendrós oder Paco Candel, Jaume Botey, Marta Mata, Rosa Sensat oder Muriel Casals werden immer Referenten sein. Wie Josep Fontana, der uns traurigerweise vor kurzem verlassen hat, mit einem Erbe und Botschaften, die von Dauer sein werden: „Ich habe große Hoffnung auf die Fähigkeit der Menschen, sich zu erholen und wieder aufzustehen.“

„Ich bin der Überzeugung, dass das Strafurteil für sie viel unbehaglicher sein wird als für uns.“

Wie sehen sie die Lage des ANC und von Òmnium? Welche soll ihre Rolle in dieser neuen Phase sein? Werden neue Akteure in die Zivilgesellschaft kommen?

Ich kann von Òmnium Cultural sprechen. Wie auch schon vor dem 1. Oktober, werden wir weiterhin vor allem die Demokratie verteidigen, trotz der Angriffe des Staates, um uns zu schwächen. Wir fühlen uns heute, legitimer und zugleich verantwortlich für die fast 125.000 Mitglieder die uns Unterstützung geben. Mit Kultur als Grundpfeiler des sozialen Zusammenhalts.

Mit dem Referendum zur Selbstbestimmung vom 1. Oktober haben wir uns weder für Ja noch für Nein eingesetzt. Wir machten einen Aufruf zur Demokratie, der heute aktueller ist als je zuvor. Wir stehen vor einem Staat, der die Grundfreiheiten unterdrückt und uns völlig unverhältnismäßig in Haft hält. Seit der Billigung des «Maulkorb-Gesetzes» und wegen des Prozesses wurden mehr als 20.000 Menschen wegen Ausübung von Rechten bestraft, wie Meinungsfreiheit, Informationsfreiheit, Recht auf Demonstration oder auf Wahlrecht. Wir haben die Kampagne «Morgen können Sie an der Reihe sein» zusammen mit anderen Entitäten gefördert, um genau diese autoritäre Regression anzuprangern.

Überzeugt, dass «Wir werden nicht schweigen», werden sie den Ruf von «Die Bourbonen sind Diebe» nicht zum Schweigen bringen, und wir setzen fort und fordern die volle Freiheit von Valtònyc, Tamara oder Adri. Wir wollen in voller Demokratie leben, wir werden unsere Rechte nicht aufgeben.

Ich sehe das Gefängnis als eine klare Möglichkeit zur Anklage an. Es ist keinesfalls eine politische Wechselwährung. Und ich bin der Überzeugung, dass das Strafurteil für sie viel ärgerlicher sein wird als für uns. Unsere Strafurteile werden ihre Verurteilung sein. „Was haben Sie getan, um Nelson Mandela zu befreien, den Margaret Thatcher als Terrorist beschrieb?“

Dies ist die Frage eines Journalisten, auf die die aktuelle britische Ministerin Theresa May vor einigen Tagen nicht antworten konnte. Wenn der „Prozess“ etwas gezeigt hat, ist es der Eindruck, dass dies nicht auf Personalien zurückzuführen ist und dass er in der Lage ist, neue Führungen zu generieren, die in den Augen vieler Ausbruchsprojekte auf europäischer Ebene eifersüchtig machen können. Heute brauchen wir mehr denn je die bestehende Führung, sowohl im Gefängnis als auch im Exil oder in derselben Gesellschaft, aber ich zweifle nicht daran, dass auch neue entstehen werden, und dies ist vollkommen vereinbar mit denen, die existieren und äußerst gesund. Im Falle von Òmnium haben wir das Glück, Marcel Mauri zu haben.

„Die soziale Kluft, die wir haben, ist der soziale Aufzug“: Armut, Ungleichheit und Ausgrenzung “

Besteht die Gefahr einer Verschiebung der Unabhängigkeitsbewegung hin zu mehr Identität oder nationalistischen Positionen?

Und wie sehen Sie die Stärkung des spanischen extremen Rechten in Katalonien? Glauben Sie, dass der Staat versucht, Katalonien in einen Ulster umzuwandeln? Welche Rezepte gibt es, um dagegen anzukämpfen?

Wir können nicht banal machen, was im nordirischen Konflikt passiert ist, oder in Vergleiche fallen, die sich selbst disqualifizieren. In Katalonien besteht kein Risiko eines sozialen Zusammenbruchs, obwohl einige versuchen, diese Idee durch Wiederholung wie ein „Mantra“ zu vermitteln.

Jeder weiß, dass es eine große Tugend der Unabhängigkeitsbewegung ist, eine absolut friedliche Bewegung zu sein, mit einem Reichtum und einer Transversalität, die ihr genuin im interklassistischen und generationenübergreifenden Sinne macht, Merkmale, die sie vom Populismus entfernen. Die soziale Kluft, die wir haben, ist der soziale Aufzug, den ich erwähnte: Armut, Ungleichheit und Ausgrenzung, die in der Wurzel bekämpft werden müssen.

Die Stärkung der extremen Rechten in Europa sowie auf der ganzen Welt genauso wie in Katalonien beunruhigt mich sehr viel. Wir sollen nicht vergessen, dass Franco vor 40 Jahren starb und nun, 2018, erstmals eine Regierung (einer Partei, die seit 20 Jahren regiert und keinen Finger bewegt hat) die Exhumierung des Diktators beantragt.

Es ist eine absonderliche Sache, beschämend für jede Demokratie. Am beunruhigendsten ist nicht das Valle de los Caídos, sondern das kulturelle und strukturelle Überleben des Franquismus. Mehr als 700 hochrangige Militärbefehlshaber, von denen sich viele in der Reserve befinden, haben bereits ein Manifest zur Verteidigung der Figur des Diktators unterzeichnet. Mehr als 700! Und die Francisco Franco Stiftung ist nicht nur legal, sondern erhält öffentliche Gelder. Es gibt Tausende von Menschen, die auf den Gehwegen der Straßen und Massengräber begraben sind. Diejenigen, die sich das Bild machen als sie gelben Schlingen aufnehmen, haben niemals Francos Platten entfernt, und sie haben es im Parlament von Katalonien nicht abgelehnt.

Spanien ist das Land Europas, wo es mehr Verschwundene in Maßgräbern gibt, das zweite der Welt nur hinter Kambodscha. Der spanische Staat hat weder das Franco-Regime verurteilt noch seine Mitglieder gerichtet. Die summarischen Prozesse sind immer noch in Kraft, einschließlich der Todesurteile und Hinrichtungen des Präsidenten der Generalitat, Lluís Companys oder von Salvador Puig Antich. Aus diesem Grund ruft Omnium, zusammen mit Entitäten für die Erinnerung, alle 20-N, weiterhin nach Gerechtigkeit wegen der Verbrechen des Franco-Regimes.

Es ist beunruhigend, dass einige politische und soziale Hauptfiguren die Gewalt legitimieren, mit der bestimmte Gruppen auf den Straßen einiger Gemeinden arbeiten. Es sind dieselben, die es nicht verurteilt haben, dass es am 1. Oktober tausend friedliche Wähler verletzt wurden. Es ist unerträglich, jegliche Form von Gewalt zu legitimieren. Das einzige, was sie tun, ist sie zu füttern. Jeder muss die Reihen in diesem Thema schließen. Gewalt ist unausstehlich, es ist egal, woher sie kommt. Nie wieder Faschismus, nirgendwo und gegen niemand sollte ein Ruf von jedermann sein, der die Nulltoleranz verlangt, aus der öffentlichen Institutionen und mit dem Mut aller Bürger.

„Diejenigen, die sich selbst fotografieren, wie sie gelbe Schliefen entfernen, haben noch nie frankistische Tafeln abgenommen“

Was lesen Sie im Gefängnis?

Viel und vielfältig. Von der ‚Revista de Catalunya‘ bis zu einem meiner Favoriten wie Thoreau, einer der Väter des zivilen Ungehorsams. Ich mochte auch die Briefe von Václav Havel und Gramsci oder die katalanische Übersetzung der poetischen Anthologie des Koreaners So Jong-Ju, der mich wegen seiner extremen Alltäglichkeit faszinierte.

Mein PartnerinTxell Bonet gab mir „The Pot Book“ von Edmund De Waal, eine andere Anthologie, aber in diesem Fall über 300 Keramikstücke, die in der Geschichte der Menschheit hergestellt wurden; ich lese sie stundenlang. Und jetzt habe ich zum Beispiel ein Buch, das Anna Gabriel mir aus Genf über die Abschaffung des Gefängnisses von Angela Davis geschickt hat. Es ist auf Französisch und wird mir eine gute Übung sein. Ebenso möchte ich noch Nelson Mandelas „Briefe aus dem Gefängnis“ lesen.

[Jordi Cuixart hat schriftlich auf den CRÍTIC-Fragebogen aus dem Gefängnis von Lledoners geantwortet. Die Fragen wurden ihm Mitte August durch das Kommunikationsteam von Òmnium Cultural übermittelt. Die Antworten von Cuixart datieren vom Freitag, den 31. August.]

Foto: Jordi Borràs

Ursprüngliche Quelle

Facebooktwittergoogle_plusredditlinkedintumblr

Share this Post

Hinterlasse eine Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sie sollten das verwenden HTML Schlagworte und Attribute: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>
*
*